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Die Vergessenskurve

 

Fast hundert Jahre alt ist eine der merkwürdigsten Erkenntnisse der Lernforschung, die trotz ihres ehrwürdigen Alters erstaunlich wenig beachtet wird:

Die Vergessenskurve.

Haben wir uns endlich etwas mühsam eingeprägt und so lange wiederholt bis wir es wirklich können, dann ist dieser Inhalt leider noch nicht endgültig gespeichert. Ganz im Gegenteil: Überlassen wir ihn nun seinem Schicksal und prüfen ihn nach ca. einer halben Stunde, wird im Durchschnitt etwa die Hälfte wieder verschwunden sein. Jeder neue, frisch eingeprägte Inhalt versickert mit der beachtlichen Halbwertszeit von etwa 30 Minuten.

Vergessenskurve

Diese schon von Hermann Ebbinghaus beschriebene Vergessenskurve wird dann glücklicherweise bald etwas flacher, doch bleibt im Durchschnitt tatsächlich nicht mehr als etwa ein Fünftel im Gedächtnis. Da wir leider nicht wissen, welches Fünftel des gesamten Stoffes es ist, bleibt nur ein Ausweg, diesen beachtlichen Gedächtnisverlust durch geeignete Strategien wettzumachen und sich endgültig damit abzufinden, dass ein erstmals und neu gelernter Inhalt - so gut wir ihn auch zunächst beherrschen - nach einiger Zeit unweigerlich zum größten Teil verschollen sein wird.

Dieses "Verdunstungsbestreben" frisch gelernter Inhalte war wohl schon vor der wissenschaftlichen Beschreibung aus Beobachtungen alltäglicher Lernsituationen bekannt. Und so hat man eine Reihe von Strategien entwickelt, die ein Versickern neu gelernter Inhalte verhindern sollten.

Amerikanische Wissenschaftler versuchten, den optimalen Zeitabstand zwischen der ersten Lernphase, der Wiederholung des Stoffes und dem Prüfungstermin zu finden. Sie brachten ihren Versuchspersonen 32 skurrile Fakten bei (Frage: Wer erfand das Snowgolfen? Antwort: Rudyard Kipling). Anschließend wiederholten die Probanden das Material zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen drei Minuten (massiertes Lernen) und drei Monaten (verteiltes Lernen). Abgeprüft wurde das Gelernte dann an einem weiteren Termin. Fand diese Prüfung eine Woche nach dem ersten Einpauken statt, betrug der optimale Abstand für die Wiederholung einen Tag. Fand sie einen Monat danach statt, war der ideale Zeitpunkt für die Wiederholung eine Woche nach dem ersten Lernen des Stoffes. Die „verteilten Lerner“ schlugen die „massierten Lerner“ so um bis zu 110 Prozent (Römer, 2009)

 

Überlernen, Overlearning

Die naheliegendste, und tatsächlich auch in erschreckendem Ausmaß verbreitete: Wir lernen eben nicht nur so lange, bis wir einen neuen Inhalt "gerade eben" beherrschen. sondern büffeln darüberhinaus weiter. Wir wiederholen ihn 5,10, 20mal öfter a!s eigentlich nötig und hoffen, dass durch dieses "Überlernen" der Gedächtnisverlust vermindert wird.

Das Überlernen unter dem Modebegriff "Overlearning" empfiehlt etwa auch ein "moderner" Lernratgeber, indem er in einem Newsletter schreibt: "Hallo XY, durch das Studium eines bestimmten Sachverhalts über eine gewisse Zeitspanne hinaus werden Sie es schaffen, den Inhalt dieser Sache vorwärts und rückwärts, nach oben und nach unten, aufsagen zu können. Jedenfalls gut genug um sich daran eine Zeit lang genau zu erinnern – nur, um es dann einfach am nächsten Tag, sagen wir nach der Prüfung, vergessen zu haben. Dies geschieht wegen der Erschöpfung Ihres Erinnerungsvermögens – denn Sie haben nicht "overlearned". "Overlearning", oder auch "nachhaltiges Üben", beeinflusst das langfristige Gedächtnis überproportional zum Übungsaufwand. Sobald Sie der Meinung sind, Sie hätten eine Sache verstanden, empfiehlt es sich, diese noch für eine weitere halbe Stunde zu üben, denn das verlängert die Speicherung in Ihrem Gedächtnis um Wochen, Monate und sogar Jahre."

Hier genügt ein Blick in die Literatur des 19. Jahrhunderts, um zu sehen, dass diese für Laien naheliegende Strategie nicht anzuraten ist. Zwar konnte Ebbinghaus zeigen, dass bei überlerntem Material für ein Behaltensintervall von 24 Stunden ein Ersparniswert (64,1 Prozent gegenüber 33,8 Prozent) zu erreichen ist, also zusätzlichen Lerndurchgänge somit bei einem nachfolgenden Behaltenstest zu einer erhöhten Ersparnis führten, allerdings gilt dies nur für sinnloses Silben-Material. Bei späteren Versuchen zum Behalten unterschieden sich eine Versuchsgruppe, die einen Stoff nur so lange lernen musste, bis sie ihn gerade beherrschte, von einer Vergleichsgruppe, die im Anschluß an das Erlernen noch eine große Zahl von zusätzlichen Wiederholungen vornahm, am nächsten Tag kaum voneinander. Mit massierten Wiederholungen im Anschluß an eine Lernphase können wir die Vergessenskurve nicht überlisten. Im Gegenteil: Viel besser ist es, nur so lange zu lernen, bis wir einen neuen Inhalt gerade eben beherrschen. Dann überlassen wir ihn am besten eine Zeit lang seinem Schicksal.

Wie läßt sich aber der beachtliche Vergessensverlust eines neu gelernten Inhaltes verhindern? Hier hilft nur eine Strategie, die zwar lange bekannt ist aber selten befolgt wird:

Repetitio est mater studiorum

Ohne Ungeduld überlassen wir den neu gelernten Inhalt zunächst seinem Schicksal und nehmen bewußt in Kauf, dass ein Teil davon verloren geht. Nach einer geeigneten Zeit führen wir aber eine erste Wiederholung durch und holen den gesamten Stoff wieder auf das Niveau der 100%-igen Beherrschung - um ihn sogleich wieder beiseite zu legen. Denn nun kommt uns eine angenehme Gesetzmäßigkeit entgegen. Zwar werden abermals einige Teilinhalte des eben Wiederholten verlorengehen. Doch der Abfall der Vergessenskurve ist nun nicht mehr so steil wie nach dem ersten Lernen. Die Halbwertszeit ist wesentlich länger geworden und wir können einen viel längeren Zeitraum verstreichen lassen, ehe wir wieder mit einer weiteren Wiederholung die verloren gegangenen Inhalte einfangen. Und so können wir in immer längeren Zeitabschnitten ganz kurze Wiederholungsphasen einblenden und den auf jede andere Weise unvermeidbaren Gedächtnisschwund verhindern.

 

 

Vergessenskurve 2

Quelle: arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/Vergessen-Ebbinghaus.shtml

 
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